I'm not like them, but I can pretend
Langsam habe ich wirklich die Schnauze voll.
Von meinem Kopf, der Welt in
der ich Leben muss, dem Fakt, dass ich mich nicht einfach damit
abfinden kann und irgendwie eigentlich auch nicht will, aber dass der
Krieg, den ich gegen die ganze Ungerechtigkeit führe, allein in
meinem Kopf stattfindet,
Davon, dass ich genauso oft
feststelle dass Individualität eine Lüge ist, wie ich mich dagegen
wehre, denn im Endeffekt macht mich auch die Feststellung, dass der
Wunsch nicht gewöhnlich zu sein gewöhnlich ist gewöhnlich.
Die Schnauze voll von allem
was man können muss, von allen Erwartungen die von Leuten gestellt
werden, die ihr Leben doch selbst nicht besser hinbekommen, sondern
es nur gut verpacken können,
von allem “Du musst”,
von allem “Du solltest” von allem “Könntest du mal” von den
ewig sinnlosen Diskussionen und davon, dass die Existenz Dieter
Bohlens in Deutschland noch legal ist,
Aber am aller meisten hasse
ich, dass ich mein lautes, schreiendes, pöbelndes, hässliches,
krankes Hirn nicht einmal zum schweigen bringen kann.
Also ist dies der Tag, an
dem ich beschließe, es herzuschenken.
The sun is gone, but I have a light
The day is done, but I'm
having fun
“Hey Sie da,” sage ich, “Ich
hätte da ein Angebot für Sie.”
Der Herr, den ich mitten in der
Fußgängerzone angesprochen habe, starrt mich mit leeren Augen an. -
Nicht traurig-leer, eher eine friedliche, leicht debile Leere. Er
trägt viel zu große Klamotten und eine zugegebenermaßen ziemlich
dämliche Kappe.“Was?” fragt er charmant.
“Ich zahle Ihnen 500 €, wenn Sie
mir mein Hirn abnehmen.” sage ich so beiläufig wie möglich.
Der Herr denkt sichtlich angestrengt
nach. “Alter, 500€, das is ganzschön viel... Ist aber schon
ziemlich kranke Scheiße, meinen Sie nicht? Das muss doch irgendeinen
Haken haben, oder nicht?”
“Na ja, ich überlasse Ihnen die
Entscheidung. Ich hab mit diesem Hirn Abitur gemacht, und 6 Semester
studiert. Sicher, es weist leichte Gebrauchsspuren auf...aber ich
lebe ja auch noch.” ich lächle.
Ich verhandle noch eine Weile mit ihm,
schließlich nimmt er mein Angebot an. Ich überreiche ihm mein Hirn
und das Geld, und die Welt ist plötzlich bunt und dumpf.
I think I'm dumb, or maybe
just happy
Ich laufe durch die Fußgängerzone mit
einem völlig neuen Lebensgefühl.
Think I'm just happy
Die Welt ist schön, bunt und laut.
Think I'm just happy
Ich kaufe mir die BILD und freue mich
zu lesen, dass “Mitten im Leben” doch nicht abgeschafft wird.
Think I'm just happy
Ich lese irgendetwas über Krieg und
dass wieder irgendwo ein Atomkraftwerk in die Luft gegangen ist, und
es ist mir herrlich egal.
Ich laufe weiter, irgendwo hin, völlig
egal, ich vergesse meine Arbeit, meinen Alltag und für einen Moment
sogar, dass ich meine Katze Heute noch füttern muss.
Irgendwo auf meiner Reise irgendwohin
bleibe ich stehen und beschließe, ihr ein Ziel zu geben.
Fünf Minuten später stehe ich vor
deiner Tür.
My heart is broke, but I have some glue
Ich könnte jetzt an Damals denken und
es dir übel nehmen, oder dich anschreien oder dich zusammenschlagen,
aber soweit denke ich garnicht. Auf dem Weg war ich bei Netto und
habe für Alkohol gesorgt. Viel Alkohol.
Help me inhale and mend it with you
“Vergiss es, Vergiss alles, ich
verzeihe dir alles was du gesagt und nicht gemeint hast”, sage ich
“Lass uns saufen. Es lebe die Taubheit.”
We'll float around and hang
out on clouds
Nach ein paar Momenten der Verblüffung
entscheidest du anscheinend, dass diese Aktion so bescheuert ist,
dass man sie feiern muss. “Es lebe die Taubheit”, sagst du
und wir trinken und Tanzen, während die Sonne draußen unter und
wieder aufgeht.
Then we'll come down and
have a hangover
Am nächsten Mittag wache ich auf und
weiß nicht mehr so viel, aber es ist mir egal, ich mache mir einfach
keine Gedanken darüber.
Have a hangover
Im Radio spielen sie das gleiche
Gedudel, dass mir jeden Tag entgegen tönt, und zum ersten Mal singe
ich fröhlich mit, anstatt mich darüber aufzuregen, dass man Freude
an Musik haben kann, die so wenig Tiefsinn und so wenig musikalischen
Wert hat.
Have a hangover
Ich trinke eine Caprisonne, wie immer
wenn ich am Abend davor getrunken habe und lese mir die Inhaltsstoffe
durch. Ich zucke die Achseln und trinke weiter. Es ist mir egal.
Have a hangover
Ich frühstücke bei Mc Donalds und zum
ersten Mal habe ich kein schlechtes Gewissen.
Skin the sun, fall asleep
Ich gehe nach Hause und schaue
Fernsehen und poste parallel mein Essen auf Facebook, bis ich
einschlafe, mit der Chipstüte auf meinem Bauch. Ein traumloser
Schlaf. Ich hatte es schon für unmöglich gehalten.
Wish away, soul is cheap
In meinem wunderschönen neuen
hirnlosen Leben kann ich alles vergessen, Ich vergesse, wie wenig ich
von mir halte, vergesse meine Fehler, vergesse meine Feststellung,
dass diese Welt aus Lügen besteht und dass der Mensch wohl doch von
Natur aus ein Arschloch ist, entsprungen aus der Absicht, sich selbst
den Arsch zu retten, was meist jedoch dazu führt, dass er dafür
andere Leben zerstört.
Dass der Mensch vor sich hintaumelt und
zerstört, zerstört, zerstört.
“So jemand bist du, genau
so. [...] Ohne eine Hand zu rühren, tötest du alles um dich herum.”*
Lesson learned, wish me luck
Ich habe so viele Fehler gemacht und
die Erkenntnis war, dass es für das Leben leider keine
Komplettlösung gibt und darüber nachzudenken, ob es vielleicht doch
eine Lösung gibt, einen nur um den Verstand bringt.
Soothe the burn,
Die Konsequenz aus dieser Erkenntnis
konnte also nur die eine, wahre sein: Das Hirn zu verschenken.
Endlich mal nicht zu denken. Welch eine gute Entscheidung. Soll die
Welt doch zu Grunde gehen. In meinem Kopf ist Leere, kein einziger
schwerer Gedanke belastet mich. Das mag egoistisch sein, aber ein
Mensch, der kein Hirn im Kopf hat, denkt auch darüber nicht nach.
wake me up
Als ich am nächsten Morgen in die neue
BILD schaue, lässt eine riesige bunte Schlagzeile verlauten, dass
sich in meiner Stadt ein junger Mann das Leben nahm. Bei der
Obduktion fanden sie heraus, dass er mit zwei Hirnen gelebt hat. Eine
medizinisches Wunder; sagen die aus der Zeitung. Die ganze Welt ist
verblüfft. Ich starre auf den Artikel, aber ich kann mir keine
Meinung dazu bilden. Ich fühle mich insgeheim bestätigt, aber in
welcher Ansicht ich mich bestätigt fühle, das weiß ich auch nicht
genau. Warum ich überhaupt fühle, weiß ich nicht genau.
I'm not like them, but I can pretend
Ein leichtes stechen in der Brust
begleitet mich an diesem Tag, doch ich beachte es nicht.
Ich tue das selbe wie am Tag zuvor. Ich
laufe ziellos umher und erfreue mich an Banalitäten.
The sun is gone, but I have
a light
Dann besuche ich dich wieder.
Das Stechen ist noch da aber wir tanzen
es einfach weg.
The day is done, but I'm
having fun
Vorher habe ich nie getanzt, weil ich
dabei viel zu viel darüber nachgedacht habe, wie ich dabei aussehe
und warum man sowas überhaupt tut.
Jetzt weiß ich garnicht, warum ich das
nie getan habe.
Mein Hirn liegt irgendwo und lebt nicht
mehr. Die Gedanken die darin waren, sind weg, Niemand hat sie gehört
und Niemand gelesen, aber das weiß ich nicht. Ich nehme es nicht
wahr und wenn ich das täte, wäre es mir egal.
I think I'm dumb, or maybe
just happy
Wir tanzen, singen, vergessen. Opium
für uns.
Think I'm just happy
Vielleicht fühlt es sich so an,
glücklich zu sein. Ich weiß es nicht, ich handle einfach.
Think I'm just happy
Handle, wie ich gerade will und ohne
Konsequenz zu fürchten oder Verantwortung zu übernehmen.
Think I'm just happy
I think I'm dumb
Meine Welt ist schön, bunt und laut.
Unsagbar laut.
I think I'm dumb
Sie dröhnt. Sie schreit.
I think I'm dumb
Ich höre nicht zu.
I think I'm dumb
Die bunten Lichter blenden meine Augen,
ich kann nichts sehen und nicht erkennen, was wahr und falsch ist.
I think I'm dumb
Es blendet. Es ist viel zu hell.
I think I'm dumb
Ich schließe die Augen.
I think I'm dumb
“Die Welt ist schön.” sage ich.
Ich brauche mein Hirn nicht.
I think I'm dumb
“Komm, zieh dein Hirn aus, es ist
herrlich, Geistig nackt zu sein” ermutige ich dich.
I think I'm dumb
Ich habe dich, wir haben uns, wir
lieben nicht, wir hassen nicht, es ist alles egal.
I think I'm dumb
Schöne, neue Welt.
[Nirvana - Dumb]
*Haruki Murakami,
Mister Aufziehvogel